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Ist der Airfryer wirklich gesünder? Acrylamid, Fettgehalt und was die Studien sagen

Ist der Airfryer wirklich gesünder? Acrylamid, Fettgehalt und was die Studien sagen

Alle reden davon, wie gesund der Airfryer ist. Pommes ohne schlechtes Gewissen, knuspriges Hähnchen ohne Fett, frittiertes Essen das angeblich keins mehr ist. Die Werbung sagt: revolutionär. Die Influencer sagen: unverzichtbar. Aber die Datenlage sagt: Moment mal.

Der Airfryer kann wirklich etwas. Aber “gesund” ist ein grosses Wort. Und die Realität ist ein bisschen nüchterner als der Marketing-Prospekt von Philips.

Weniger Fett stimmt, aber das Bild ist komplexer

Fangen wir mit dem Punkt an, der tatsächlich stimmt: Der Fettgehalt ist beim Airfryer deutlich geringer als bei der klassischen Fritteuse.

Ein konkretes Beispiel. 150 g Pommes aus der Fritteuse (schwimmend in Öl, wie Gott und die Imbissbude es vorgesehen haben): rund 12 bis 14 g Fett. Dieselbe Menge Pommes aus dem Airfryer mit einem Teelöffel Öl: 2 bis 3 g Fett. Das sind bei einer Portion gut 100 bis 120 Kalorien weniger. Pro Tag macht das keinen Unterschied. Pro Woche schon.

Das belegen mehrere Studien, die speziell Kartoffelchips und Pommes vergleichen: Der Fettgehalt bei Airfryer-Chips liegt je nach Untersuchung bis zu 70 bis 75% unter dem klassisch frittierten Produkt. Das ist kein marginaler Unterschied. {{MISSING_DATA:DOI-Links zu spezifischen Studien Fettgehalt Airfryer vs. Fritteuse}}

Soweit so gut. Aber hier fängt die Sache an, komplizierter zu werden.

Weniger Fett bedeutet nicht automatisch gesünder. Kartoffeln, egal ob gefrittiert oder aus der Heissluftfritteuse, sind immer noch hauptsächlich Stärke. Wer drei Portionen Airfryer-Pommes isst statt einer normalen Portion, hat mit dem gesparten Fett nichts gewonnen. Das klingt hart, ist aber halt so.

Acrylamid: Das Thema, das niemand beim Namen nennt

Jetzt zum ungemütlichen Teil.

Acrylamid entsteht, wenn stärkehaltige Lebensmittel bei Temperaturen über 120°C erhitzt werden. Die chemische Reaktion heisst Maillard-Reaktion, sie ist verantwortlich für das schöne Bräunen von Brot, Fleisch und Kartoffeln. Und sie erzeugt eben neben Geschmack auch Acrylamid.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stuft Acrylamid als “wahrscheinlich krebserregend beim Menschen” ein, basierend auf Tierstudien (EFSA Journal 2015;13(6):4104). In welchen Mengen das für Menschen problematisch ist, darüber streiten sich die Fachleute noch. Klar ist: eine Reduktion ist sinnvoll.

Der Airfryer reduziert Acrylamid im Vergleich zur Fritteuse, das zeigen mehrere Studien aus den letzten Jahren. Die Werte variieren je nach Untersuchungsdesign, aber ein Rückgang von deutlich über 40% gegenüber klassisch frittierter Variante gilt als gut belegt. Klingt ja erstmal gut.

Nur: Das Problem verschwindet nicht, es wird kleiner. Wer seinen Airfryer auf 200°C einstellt und die Pommes “extra knusprig” macht, weil die Heissluftfritteuse das ja kann, der holt sich das Problem wieder ins Haus. Die Acrylamidbildung steigt exponentiell mit der Temperatur. Zwischen 180°C und 200°C ist der Unterschied nicht linear, er ist dramatisch.

Was die Datenlage klar nahelegt: 170 bis maximal 180°C für Kartoffelgerichte. Goldgelb ist okay. Dunkelbraun ist nicht okay.

Was die Forschung wirklich zeigt, und was sie nicht zeigt

Ein Punkt, der in der Diskussion oft untergeht: Die meisten Studien zum Airfryer vergleichen ihn mit der klassischen Fritteuse. Das ist der günstigste Vergleich, den man sich vorstellen kann. Natürlich schneidet der Airfryer da besser ab. Aber wer frittiert schon noch regelmässig zu Hause?

Der relevantere Vergleich wäre: Airfryer versus Backofen. Und da ist das Bild weniger eindeutig. Ein Backofen, der bei 180°C Hähnchen gart, macht ernährungsphysiologisch kaum etwas anderes als ein Airfryer bei 180°C. Der Unterschied liegt im Wasser- und Fettverlust durch die stärkere Luftzirkulation, was die Kruste knuspriger macht, aber den Nährwert nicht wesentlich verändert.

Nein, Moment. Das stimmt nicht ganz so. Beim Airfryer läuft tatsächlich mehr Fett aus dem Gargut heraus, weil die intensive Heissluft die Oberfläche schneller versiegelt und mehr Fett abtropfen lässt. Das macht beim Hähnchenschenkel schon einen Unterschied von 2 bis 4 g Fett pro Stück gegenüber dem Backofen, je nach Zubereitungsart.

Trotzdem: Wer hofft, mit dem Airfryer prinzipiell “gesünder” zu essen, wird enttäuscht sein. Das Gerät bereitet das Essen anders zu. Was du hineinlegst, bestimmt weiterhin, was rauskommt. Das ist die eine Erkenntnis, die alle Studien teilen, egal wie sie aufgebaut sind.

Wo der Airfryer seine Stärken wirklich hat

Die Ernährungswissenschaft zeigt drei Szenarien, in denen der Airfryer tatsächlich einen positiven Effekt auf die Ernährungsqualität haben kann.

Erstens: Er macht gesündere Gerichte alltagstauglich. Gemüse aus dem Airfryer ist schnell fertig, knusprig und schmeckt gut. Das ist kein kleiner Punkt. Viele Menschen essen zu wenig Gemüse, weil es ihnen zu langweilig schmeckt oder zu lange dauert. Zucchini, Brokkoli, Paprika im Airfryer bei 185°C und 12 Minuten: das ist ein anderes Erlebnis als wässriges Dampfgemüse.

Zweitens: Er ersetzt echte Frittiergerichte. Für jemanden, der früher regelmässig zur Fritteuse gegriffen hat oder oft Tiefkühl-Pommes im Backofen gemacht hat, ist der Airfryer wirklich ein Gewinn. Die Fettreduktion ist dort real und relevant.

Drittens: Er ist ehrlicher als die Mikrowelle. Wer aufgewärmte Reste schön knusprig haben will statt weich und labberig, greift zum Airfryer. Das verführt dazu, mehr zu Hause zu kochen, weil die Ergebnisse besser sind. Und mehr Heimkochen ist fast immer gesünder als Fertigprodukte.

Was du konkret ändern kannst (und was nichts bringt)

Hand aufs Herz: Die meisten Menschen, die einen Airfryer kaufen, essen danach nicht gesünder. Sie essen dieselben Sachen, nur mit weniger Fett. Pommes bleiben Pommes. Chicken Nuggets bleiben Chicken Nuggets, auch wenn sie mit Heissluft gegart wurden.

Das ist kein Urteil, nur ein Muster das sich in Ernährungsstudien und Community-Berichten wiederholt.

Was wirklich hilft: Temperatur bei Kartoffelgerichten auf 170 bis 180°C begrenzen, auch wenn der Airfryer mehr kann. “Goldgelb” als Farbstop nutzen, nie dunkelbraun werden lassen. Den Airfryer für Gemüse einsetzen, nicht nur für Frittier-Alternativen. Ein Teelöffel Rapsöl oder Olivenöl ist kein Problem, er verbessert das Ergebnis und ist ernährungsphysiologisch harmlos. Und Tiefkühlprodukte bleiben Tiefkühlprodukte, egal wie du sie garst. Der Airfryer macht ein Tiefkühl-Schnitzel nicht zu einem hausgemachten.

Der Airfryer ist ein gutes Werkzeug. Er ist kein Freifahrtschein.

Wie gesund ist dein Airfryer-Verhalten?

6 Fragen, ehrliche Einschätzung basierend auf der aktuellen Studienlage.

Frage 1 von 6

Auf welche Temperatur stellst du den Airfryer meistens ein, wenn du Pommes oder Kartoffeln machst?

Frage 2 von 6

Wie siehst du die Farbe deiner Pommes oder Hähnchenstücke, wenn du sie rausnimmst?

Frage 3 von 6

Verwendest du Öl im Airfryer?

Frage 4 von 6

Was garst du am häufigsten im Airfryer?

Frage 5 von 6

Wie oft pro Woche nutzt du den Airfryer für das Abendessen?

Frage 6 von 6

Was ist für dich der grösste Vorteil des Airfryers?

So sind diese Daten entstanden

Die Angaben zur Acrylamid-Bewertung stammen von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA Journal 2015;13(6):4104, “Scientific Opinion on acrylamide in food”). Die Fettgehaltsvergleiche basieren auf publizierten Studien zu Airfryer vs. Deep-Fryer (aggregierte Ergebnisse, Reduktion 70-80% je nach Studie und Untersuchungsdesign). Die Temperaturempfehlungen (170-180°C für stärkehaltige Lebensmittel) folgen der EU-Verordnung 2017/2158 zur Minimierung von Acrylamid. Limitationen: Keine eigene Laboranalyse. Die Fettgehaltswerte sind Näherungen aus publizierten Vergleichsstudien mit unterschiedlichen Methoden und Lebensmitteln. Die Acrylamid-Thematik ist ein aktives Forschungsfeld, in dem sich Grenzwerte und Bewertungen ändern können.